Es war mir schon lange klar, daß ich diesen Wendepunkt bei der Betrachtung des Zeitgeschehens an dem Ort verleben werde, an dem ich einst in ähnlicher Weise meine Blickrichtung auf mein bisheriges und künftiges Leben geändert habe. Dieser Ort ist Berlin. Dort wartet auf mich kein Bär sondern einen Klammeraffe. Er will nicht mich umklammern, sondern, die zwei Teile meines Lebens, den östlichen und den westlichen. Bis zum Wendepunkt, dem Kriegsende 1945, war Berlin für mich die westlichste Stadt, die ich von meinem noch weiter östlich gelegenen Wohnort aus erreicht habe. Heute fahre ich Berlin von der anderen Seite aus an, und dort sitzt der Klammeraffe, der die andere Seite schon im Arm hat. Mein Bruder lud mich zu sich über Silvester nach Potsdam ein und fügte hinzu, daß sein Sohn, der in Glienicke wohnt, einen Holzofen hat, um den herum wir uns scharen könnten, wenn beim Jahreswechsel das Y2K System ein informationstechnisches Chaos auslöst und die Heizungen ausgehen. Inzwischen wissen wir, daß nichts passiert ist. Wieder einmal stimmten die Vorausberechnungen nicht. Am 31.12. setzte ich mich vormittags in den ICE nach Berlin, er fuhr nicht, wie ich es gewohnt war, durch die schöne norddeutsche Seenplatte sondern einen Weg, auf dem es nichts zu sehen gab. Nun hatte ich für eine Unterhaltung vorgesorgt, mir nämlich die Extra Ausgabe für Weihnachten und Neujahr der Zeitschrift "Die Woche" gekauft. Darin fand ich ein großes Silvesterrätsel, nicht so ganz konnte ich es lösen, aber mein Bruder und meine Schwägerin gaben ihm dann den letzten Schliff. Dann überlegte ich, wie sonst auch beim Rätselraten, ob es wohl lohnend sein könnte, das Porto für die Postkarte mit der Lösung auszugeben. O. Wunder, es hatte sich diesmal gelohnt, ich gewann den zweiten Preis, einen Computer, Mac, die Blauberry, ein tolles Ding . In Potsdam machten wir nachmittags noch einen Stadtbummel, alles war noch weihnachtlich erleuchtet, verbreitete eine friedliche Stimmung, weil nicht so viel Verkehr war. Wir gingen dann anschließend, wie geplant, in ein Kabarett. Heute weiß ich davon nur noch, daß es um die Ossis und die Wessis ging und letztere, anders als ich es erwartet hatte, recht glimpflich davonkamen. Zum Silvesterfeuerwerk wanderten wir nach Sanssoussi. Von dort aus ist es erfahrungsgemäß gut zu sehen. Wir warteten mit vielen Leuten auf das Schauspiel, doch das blieb aus. Berlin lag im dichten Nebel, nie habe ich weniger vom Silvesterfeuerwerk gesehen als diesmal. So gingen wir nach Hause und machten es uns dort gemütlich. Als die Neujahrglocken erklangen, dachte ich an die Gewohnheit das neue Jahr mit guten Vorsätzen zu beginnen, die ich schon lange aufgegeben hatte, denn es waren alles echte new years resolution geworden, sie wurden nicht durchgesetzt. Als ich etwa vierzehn war, da kam mir die Erkenntnis, daß ich schon so lange gelebt habe und dabei die meiste Zeit verbummelt. Das sollte vom nächsten Tag an anders werden, denn da begann ein neues Leben, doch es begann nicht. Immer kam etwas dazwischen. Heute weiß ich nun ,daß man sehr viel mehr als vierzehn Jahre in seinem Leben vertun kann, wenn man es so sehen will. Am Nachmittag des Neujahrstages fuhren wir nach Glienicke zu meinem Neffen. Seine beiden Kinder zeigten mir sofort den Milleniummann, den sie gebaut hatten. (Siehe Bild.) Es war ein Schneemann, der gespickt war mit den abgebrannten Raketen, die sie auf der Straße aufgesammelt hatten. Da stand er, gebeugt von den vielen Pfeilen, mit denen er in den vielen Jahrhunderten beschossen worden ist. Lange kann er sie nicht mehr tragen, er wird dahinschmelzen wie die zweitausend Jahre auch. Ob es dann einen Neuanfang gibt?



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