Das Jahresende kam puenktlich wie immer, doch knueppeldick wie nie. Wie auch in den Jahren zuvor hatte ich der geplanten Jahresabschlussfeier optimistisch und euphorisch entgegengesehen. Schliesslich war ich mit meiner Begleiterin auf einer sogenannten Szene-Party eingeladen, und die Ampeln standen auf Vollrausch mit groben Verletzungen des Betaeubungsmittelgesetzes. Wie auch sonst sollte man ein ganzes Jahrtausend zu Grabe tragen und sich auf ein weiteres einstellen? Der Haken an der Geschichte aber war, dass ich in der letzten Dezemberwoche ueber eine Zeitarbeitsfirma fuer eine Frankfurter Privatbank angeheuert worden war. Meine Aufgabe bestand darin, Daten fuer Hauck & Aufhaeusers Depot-Buchhaltung einzugeben. Kein leichter Job, dachte ich zunaechst. Doch nach 30 Minuten Einarbeitungszeit kehrte Routine ein und die restlichen 38 Stunden dieser Arbeitswoche vergingen eher schleppend und wurden nur durch die gesetzlichen Mittagspausen mental aufgefrischt. Nun kann man einwenden, dass Arbeit generell krank mache. Dem ist nicht zu widersprechen. Doch vielmehr ist es die Routine, die einen schlechten Einfluss auf das physische Wohlbefinden hat. Zumindest war sie es in diesem Fall. Nach zwei Tagen neben meinem iranischen Pendant zur Rechten, Herrn Abassi, der diese Aufgabe mit Leidenschaft und dem noetigen Ernst bereits seit Jahren und sehr zur Freude der leitenden Angestellten erfuellte, hatte ich saemtliche Formulare und Listen, die ich zur Eingabe vorgelegt bekam, dermassen begriffen, dass ich mir manchen Scherz mit der blonden Sachbearbeiterin, Fraeulein Horn, die hinter mir sass, nicht verkneifen konnte. Dass darunter die Arbeit litt und sich der ein oder andere Fehler einschlich, war nur die logische Konsequenz. Ein Fehler in der Dateneingabe aber bedeutete ein falsch gebuchtes Wertpapier und damit ein Fehlerprotokoll, das, in diesem Fall von Fraeulein Horn, nachbearbeitet werden musste. Darunter nun litt meine Konversation mit Fraeulein Horn. Und letztlich das allgemeine Betriebsklima, speziell der Unterhaltungswert in der Depotbuchhaltung bei den Haucks & Aufhaeusers. Als am 31. Dezember schliesslich mein Dienst endete, war ich froh, von dieser Arbeit erloest zu sein und die Taschen wieder voller Geld zu haben. Ich nahm Abschied von Herrn Abassi und von Fraeulein Horn und machte mich auf den Weg zur naechsten U-Bahnstation. Partystimmung. Doch irgendetwas beschlich mich schon zwischen den Stationen Huegelstrasse und Lindenbaum. Es war erst frueher Nachmittag; aber ploetzlich wurde mir schwindelig, und ich hatte schreckliche Kopfschmerzen. Ein Fluch? Endlich zu Hause kam Fieber hinzu und Schmerzen im Unterleib, die die naechsten vier Wochen nicht weggehen sollten. Kurzum: ich hatte mir einen Virus eingefangen, der, wie ich damals nur mutmassen konnte, in direktem oder indirektem Zusammenhang mit der Depotbuchhaltung stehen musste, und der mir nicht gestattete, an diesem historischen Abend auch nur fuer das Feuerwerk vor die Tuer zu gehen. Sehr zum Leidwesen meiner Begleiterin, die - und das rechne ich ihr hoch an - bei mir blieb, um mir wenigstens ein Glas Sekt ans Bett zu bringen. Als wir gegen 12 Uhr Mitternacht auf das neue Jahrtausend anstiessen, musste ich ihr versprechen, nie wieder fuer eine Frankfurter Privatbank zu arbeiten. Nicht vor Sylvester.



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