Die Nacht zum 1. Januar 2000 erlebte ich in Hamburg. Bevor ich nun auf die Ereignisse eingehe, möchte ich folgendes vorausschicken: Den Jahreswechsel wollte ich möglichst ruhig verbringen, da ich mich generell in einer größeren Menschenmenge äußerst unwohl fühle. Durch den unabwendbaren Besuch meiner Eltern in Hamburg sollte jedoch alles anders kommen. Sie überredeten mich, mit ihnen zum Feuerwerk an der Binnenalster zu gehen. Offen gestanden mußten ihre Überredungskünste nicht sehr groß sein, da mir bei dem Gedanken, die nächsten Stunden alleine zu verbringen, doch nicht wohl war. Die U-Bahn-Fahrt in Richtung Jungfernstieg setzte mir - eingezwängt zwischen Fremden - jedoch bereits erheblich zu. Die Situation am Gänsemarkt war alles andere als entspannt. Begleitet von unzähligen Knallfröschen, Kanonenschlägen und zum Himmel strebenden Raketen erreichten wir schließlich das Rathaus. Die dort herrschende Enge ließ uns an der Binnenalster nach einem ruhigeren Platz suchen. Inzwischen versiegelte ich mir die Ohren mit Ohropax (empfehlenswert!), so daß mir die Kracher nichts mehr ausmachten und ich dem ganzen Rummel um mich herum etwas enthoben war. Einmal im Gedränge regelrecht festgesteckt, wünschte ich mich an irgendeinen anderen Ort. Mein Gesichtsausdruck war sicherlich furchtbar, Silvester schien für mich gelaufen zu sein. Zum Glück fanden wir einen ruhigen Platz an der Binnenalster nahe der "Galerie der Gegenwart". Kurz vor Beginn des Feuerwerks wandelte sich zu meiner eigenen Überraschung meine Stimmung zum Positiven. Erleichterung erfüllte mich, als endlich das neue Jahr begrüßt wurde und die von mir befürchtete Euphorie unter den Leuten nicht ausbrach. Das Feuerwerk konnte die vorherigen Strapazen ausgleichen. Mit Sekt, Martini rosso und Wunderkerzen vergnügten wir uns. Die Stimmung meiner Eltern war so ausgelassen, daß sie nach dem Feuerwerk noch zu einem Walzer tanzten. Und dann trennten sich unsere Wege: Die beiden gingen zum Weiterfeiern in Richtung Jungfernstieg, und ich strebte dem Hauptbahnhof entgegen. Nun sollte ich den eigentümlichsten Moment dieser Nacht erleben: Die in mir seit Wochen aufgebaute Anspannung war wie weggeblasen, ich fühlte mich ungeheuer erleichtert und frei. Immer noch durch Ohropax geschützt, überquerte ich ganz leichten Schrittes den Glockengießerwall, der übersät war mit Papierschnipseln, Flaschen, Dosen ... In all dem Chaos standen zwei verloren wirkende Polizisten mit ihrem Wagen. Alles schien den sonstigen Regeln enthoben zu sein. Die Leute zogen in kleinen und großen Gruppen zum Bahnhof. Immer noch gingen Kracher hoch. Den Anblick und die Atmosphäre dieser grotesken Szenerie werde ich nicht vergessen.


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